Vor 55 Jahren
Einmarsch der amerikanischen Truppen in Grafenwöhr
(Bericht eines städtischen Beamten)

 

Am Donnerstag, den 19. April 1945 gegen 15.30 Uhr besetzten amerikanische Truppen die Stadt Grafenwöhr. Am 21. April 1945 wurde das Untere Tor, das letzte der alten Stadtbefestigung von amerikanischen Truppen gesprengt, weil die Durchfahrt der großen Panzerkampfwagen nicht möglich war. Mit riesigen Räumern beseitigten sie den Schutt, wobei die beiden Wappen, die an der Außenseite des Tores eingemauert waren, verschwanden. Die große Anzahl anrückender Panzer- und Kettenfahrzeuge kamen teils von der Pressather- und teils von der Eschenbacher Straße. Ein großer Teil dieser Panzer nahm auf dem ,,Birka“ (Höhe nördlich von Grafenwöhr) Aufstellung und richteten ihre Geschützrohre auf die Stadt, um einen eventuellen Widerstand gleich zu brechen. Widerstand wurde aber nicht geleistet, so daß die Truppen ungehindert in die Stadt und in das Lager einziehen konnten. Nur am oberen Marktplatz fiel ein Schuß, der angeblich von einem SS-Angehörigen abgefeuert worden war. Der Schütze wurde durch den amerikanischen Militärbefehlshaber zum Tode verurteilt und mußte sein eigenes Grab selbst schaufeln. Viele Grafenwöhrer Einwohner sahen, als der zum Tode Verurteilte an der Dreiecksanlage Eschenbacher-Pressather Straße, wo die Shell-Tankstelle stand, mittels Spaten dieses Grab schaufelte. Auf Fürbitte des seinerzeitigen Benefiziaten von Grafenwöhr, Adolf Schultes, wurde der SS-Mann nicht erschossen, sondern in Gefangenschaft genommen.

Vor dem Einmarsch der US-Soldaten wurde Grafenwöhr laufend von Tieffliegern angegriffen. So wurde in den Mittagsstunden auch das Rathaus beschossen.

Die Einschüsse trafen hauptsächlich die West- und Südseite, sind heute noch sichtbar. Eine halbe Stunde vor dem Einzug wurden noch die Städel von Wilhelm Specht und Wilhelm Hacker an der Bahnhofstraße durch Tiefflieger in Brand geschossen. Ich befand mich bis etwa 1/2 Stunde vor dem Einmarsch im Rathaus. Gegen 13.30 Uhr kam ein Anruf, die Panzersperren in Grafenwöhr sind sofort zu schließen. Ich übergab dieses Gespräch dem seinerzeitigen Ortsgruppenleiter, der ebenfalls im Rathaus anwesend war. Der Ortsgruppenleiter nahm dieses Gespräch ab, ließ aber den Befehl nicht ausführen, sondern verabschiedete sich von mir und fuhr mittels Fahrrad in Richtung Weiden davon. Eine knappe halbe Stunde vor dem Einmarsch verließ ich das Rathaus und begab mich zu den Luftschutzkellern auf dem Annaberg. Ich konnte mich auf der Straße nicht bewegen, sondern mußte entlang der Häuser Deckung suchen, da die Tiefflieger auf jede einzelne Person schossen.

Ich erlebte dann vor dem Luftschutzkeller auf dem Annaberg das Einrollen der amerikanischen Panzer. In den Luftschutzkellern waren außer einigen Soldaten, überwiegend Zivilpersonen untergebracht. Einige Minuten nach dem Einmarsch kamen schwerbewaffnete Soldaten und kontrollierten diese Keller. Die deutschen Soldaten, die vereinzelt in den Kellern Unterschlupf gesucht hatten, wurden gefangengenommen. Kurz nach dem Einmarsch wurde auf dem Rathaus die weiße Fahne (Bettuch) gehißt. Es soll angeblich eine Köchin, die seinerzeit in der Gaststätte Wilhelm Specht beschäftigt war, gewesen sein.

Die im Lager Grafenwöhr gefangengenommenen Offiziere und Mannschaften mußten sich zu Fuß in die Stadt begeben und wurden über Nacht in den Wirtsgarten des Gasthofs zum Goldenen Löwen gesperrt.

Als erstes wurden viele Wohnungen beschlagnahmt und ein Ausgangsverbot verhängt. Meine Frau und ich, sowie viele andere Grafenwöhrer Einwohner, verbrachten die ersten Nächte im Felsenkeller auf dem Annaberg. Schon am nächsten Tag nach dem Einmarsch in aller Frühe wurde ich in das Rathaus gerufen. Dort hatte der amerikanische Stadtkommandant, ein Major, im Bürgermeisterzimmer sein Büro aufgeschlagen.

Die erste Anordnung des Stadtkommandanten war die Aufstellung einer Liste über diejenigen Personen, die während der Ausgangssperre ihre Wohnung verlassen konnten. Es waren dies Geistliche, Ärzte, Hebammen und das Personal der Stadtverwaltung. Diese Personen erhielten einen Sonderausweis. Sämtliche öffentlichen Dienststellen, wie Bahn, Post Polizei u.s.w. waren zu dieser Zeit in Grafenwöhr geschlossen. Nur die Stadtverwaltung, als einzige Behörde in Grafenwöhr, hatte keinen Tag geschlossen und hielt den Kontakt mit der Bevölkerung aufrecht.

Auszug aus „Geschichte der Stadt Grafenwöhr“ (Schenkl-Richter)

 


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