Hausnamen

Ihre Herkunft und Deutung,
mit Beispielen aus Grafenwöhr

Hausnamen sind in Bayern und in vielen benachbarten Regionen zuhause. Besonders auf dem Land bilden sie ein noch allgegenwärtiges Phänomen, mit dem die Menschen ihre Nachbarschaft und ihre Höfe voneinander unterscheiden. Häufig traten in Städten und Dörfern die gleichen Familiennamen mehrfach auf, und da sich die Auswahl der in früheren Zeiten üblichen Vornamen meist auf einige wenige biblische Namen oder Heiligennamen beschränkte, boten die Hausnamen ein notwendiges Unterscheidungsmerkmal.
Seit Ende des letzten Krieges werden Hausnamen immer weniger gebraucht und geraten mehr und mehr in Vergessenheit. Dabei läßt sich beobachten, daß der Gebrauch umso mehr zurückgeht, je mehr sich ein Ort vergrößert hat. In kleinen überschaubaren Dörfern sind die Hausnamen nach wie vor bekannt und sie werden zur Bezeichnung der Bewohner verwendet. In einer Stadt wie Grafenwöhr dagegen, die bereits seit Beginn dieses Jahrhunderts eine starke Zuwanderung erlebt, verliert sich die Erinnerung an die Hausnamen. Die vielen Neubürger kennen die Hausnamen nicht und verwenden sie daher auch nicht. Daher verlieren die Hausnamen ihren Erkennungswert und auch die Alteingesessenen verwenden sie immer weniger. Dazu kommt, daß die Ortskerne in der Vergangenheit einem Schwund von Bewohnern ausgesetzt waren und mit dem Tod oder Auszug der Bewohner oft auch der Hausname erloschen ist.1
Die Mehrzahl der Hausnamen sind leicht zu deuten. Sie lassen sich auf Berufe, Vor- oder Familiennamen zurückführen. Manch andere geben Rätsel auf. War der "Gierchadl" ein gieriger Adeliger, oder der "Poppensiemer" das siebte Kind der Familie Popp? In aller Regel führen solche Deutungen in die Irre.

Hausgeschichte

Viele Hausnamen haben durch lange mündliche, mundartliche Überlieferung und durch fehlende orthographische Regeln ihre Form über die Jahrzehnte und Jahrhunderte so stark verändert, daß sich ohne einen Blick in die Archive deren Ursprung nicht mehr rekonstruieren läßt. Ansatzpunkt ist die Hausgeschichte, die Suche nach den früheren Hausbesitzern. Eine besonders ergiebige Quelle bietet der Grundsteuerkataster, der für die Oberpfälzer Gemeinden um 1840 erstellt wurde. Diesem lassen sich alle damaligen Hausbesitzer und i.d.R. auch die Hausnamen entnehmen. Noch weiter zurück führt der Häuser- und Rustikalsteuerkataster (für Grafenwöhr 1812 angelegt). Weitere mögliche Quellen sind Listen von Abbrändlern bei größeren Stadtbränden (Grafenwöhr: 1841, 1870, 1880), Einquartierungslisten bei Truppeneinquartierungen (Grafenwöhr: 1758). Ergiebig sind in aller Regel Steuerkataster, weil man bei diesen immer um eine vollständige Erfassung der steuerpflichtigen Bürgerschaft bemüht war. Sehr hilfreich aber auch sehr zeitaufwendig sind die Briefprotokolle des 18. Jahrhunderts. In ihnen sind alle privaten Rechtsgeschäfte, insbesondere die Grund- und Hausverkäufe verbrieft und protokolliert.

Systematik der Hausnamen

Bei der Sammlung und Deutung der Hausnamen kristallisieren sich gewisse Regeln heraus, nach denen sich die Hausnamen bilden. Auffällig ist die häufige Verwendung von Berufsbezeichungen und von Vor- und Nachnamen. Manche Hausnamen bleiben über Jahrhunderte stabil, andere verändern sich ständig. Dabei spielt es eine Rolle, ob ein Haus häufigen Besitzwechseln unterworfen ist, oder lange im Besitz einer Familie bleibt. Zeigt sich ein Besitzer recht geschäftstüchtig, ist er "bekannt wie ein bunter Hund", dann kann es passieren, das sein Name den traditionellen Hausnamen seines Wohnhauses ablöst.
Im Folgenden soll anhand einiger Beispiele aus Grafenwöhr und seinen heute eingemeindeten Dörfern Gmünd, Hütten und Gössenreuth versucht werden, die Bildung und Deutung von Hausnamen zu veranschaulichen. Unter den genannten Beispielen sind auch historische Hausnamen aus dem Grundsteuerkataster von 1840, die heute allgemein nicht mehr bekannt sind. Diese sind durch einen Stern* gekennzeichnet.

a) Familiennamen

Ist der Familienname des Besitzers identisch mit Hausnamen so ist das meist ein Hinweis, daß eine Familie schon lange im Besitz des Hauses ist. Dies gilt in Grafenwöhr für die Hausnamen Koberger, Biersack und Zechmaier.
In zahlreichen Fällen hat sich der Familienname des Vorbesitzers erhalten; i.d.R. ist das durch Einheiratung passiert. Beispiele hierfür sind: Klinger, Angerer, Stichn oder Mutzbauer. Einige haben sich durch die mündliche Überlieferung stark verändert, z. Bsp. Homeier (früher: Hagenmayer) oder Drobmann (früher: Trottmann).
Die Zusammensetzung von Familienamen mit Berufsbezeichnungen oder Vornamen, bildet die häufigste Form der Hausnamensbildung. Als Beispiele seien angeführt: Hößl-Kramer, Böhm-Mukl, Poppen-Zacherl.

b) Vornamen

Bei Vornamen kristallisieren sich zwei Entstehungsregeln heraus. zum einen können seltene Vornamen einen Hausnamen prägen (Gregore, Albertn, beim Tobias*, Rudolph*), am verbreitesten war jedoch die eben erwähnte Verbindung des Vornamens mit Berufsbezeichnungen oder Familiennamen. Da die Vornamen mitunter starken mundartlichen Veränderungen unterworfen sind, die auch der Einheimische nicht immer nachvollziehen kann, zur Erläuterung hier einige Beispiele:

mundartlicher Name

Deutung

Beispiel

Adl

Adam

Giradl, Giftadl

Barthl, Battl

Bartholomäus

Hackerbattl

Ferdl

Ferdinand

Binerferdl

Girg, Gierch

Georg

Giradl, Kramergirgl

Gregori

Gregor

Gregori

Haner

Heinrich

Haner, Hanergirgl

Hannes, Kannes

Johann, Johannes

Bäckerlinlkannes

Helm

Wilhelm

Helm*

Kannaran

Konrad

Kannaranbauer

Lenl, Linl

Leonhard

Bäckerlenl

Lenzl

Lorenz

Lenzl, Schneiderlenz

Martl, Mirtl

Martin

Mahlermirtl

Mukl

Nepomuk

Böhmmukl

Nazi

Ignatz

Kollernazi

Nikl

Nickolaus

Nickl

Öller, Eller

Ullrich

Öller

Rëis

Andreas

Wongerrëis, Batznrëis

Simmerl, Siemer

Simon

Poppensimmer

Thama, Dama

Thomas

Wongerdama

Veit, Veitl

Vitus

Kramerveith, Lindenschmiedveith

Wastl

Sebastian

Bräuwastl

Wendl

Wendelin

Kullerwendl, Wenderl*

Wolf

Wolfgang

Binnerwolf, Wolfadl

Zacherl

Zacharias

Poppenzacherl

c) Berufe

Berufsbezeichnungen treten meist, wie an obigen Beispielen gezeigt, in Verbindung mit Namen auf (Mockenbeck). Doch es gibt auch andere Möglichkeiten. So z. Bsp. standortbezogene Ergänzungen: Torwirt, Torwagner, Torschuster (der Wirt, Wagner oder Schuster am Stadttor) oder Schaumbachmüller.
Andere Namenszusätze lassen sich schwerer deuten. Der Lindenschmied hatte vermutlich eine Linde in seinem Hof, und der Schwarzenwonger und Schwarzschuster mag seinen Namen dem Brauch verdanken, daß ein Geselle, der sich gegen die Zunftordnung vergangen hatte, dadurch gestraft wurde, daß man seinen Namen auf eine schwarze Tafel schrieb und bei jeder Versammlung verlas. Es kann aber auch auf ständige Geldschulden im Wirtshaus zurückgehen. Auch dabei wurde man vom Wirt auf einer schwarzen Tafel notiert .2
Besonders in den fast ausschließlich landwirtschaftlich genutzten Dörfern finden sich Haus- und Hofnamenskombinationen mit der Erweiterung bauer, z. Bsp. Kernbauer, Moierbauer, Kastnerbauer oder Hubbauer. Manche Hausnamen lassen Rückschlüsse auf die Größe des Hofes zu. Der Hubbauer bearbeitete eine Hube, der Häusler besaß über sein Haus hinaus kaum Grund.
Mitunter war der Beruf allein hausnamensbestimmend. Das gilt im allgemeinen für seltenere Berufe, die nur einmal am Ort vorkamen. Gab es mehrere vom gleichen Beruf, dann entwickelten sich Erweiterungen. Da viele Berufe heute ausgestorben sind und die schriftliche Wiedergabe der mundartlichen Ausdrücke schwierig ist, hierzu einige Beispiele:

mundartlicher Schreibung

Beruf

Beck

Bäcker

Binner, Biner

Büttner, Faßmacher

Draxler

Drechsler

Hofner

Hafner, Töpfer

Melber

Mehlhändler

Mulzer

Gehilfe des Kommunbrauers

Remerer

Riemerer, Sattler

Wonger

Wagner

d) Funktionen

Einige Häuser dienen einer festen Zweckbestimmung, die über Jahrhunderte unverändert blieben. Dazu gehören in erster Linie die Rathäuser, Kirchen, Benefiziatenhäuser, Schulen, Hirthäuser, Armenhäuser und Kommunbrauhäuser.
Andere Häuser waren zwar in Privatbesitz, eine Gerechtsame bestimmte jedoch dauerhaft Funktion und Hausnamen. Dazu gehören der Bader, der Stadtmüller, der Adlerwirt und der Rösslwirt.

e) andere Bezeichnungen

Es gibt Hausnamen die fremde Ortsnamen beinhalten und dadurch einen Hinweis geben, daß ein früherer Hausbesitzer von auswärts zugezogen ist, so z. Bsp. der Neimackner (Neumarkter) oder der Bambergerlenz. Letzterer ist vermutlich nicht aus Bamberg zugezogen, sondern er stammte aus dem nur wenige Kilometer entfernten Vilsecker Raum, der früher dem Fürstbistum Bamberg zugehörig war.
Schließlich bleibt bei aller akribischer Forschung ein Bodensatz an Hausnamen übrig, die sich nicht, oder nicht eindeutig erschließen lassen. Dies können mundartlich stark veränderte Namen oder Berufe sein, oder es verstecken sich Spitznamen darunter. Auch hierzu noch einige Beispiele:

Hausname

mögliche Deutung

beim Bartlkrupperten*

ein verkrüppelter namens Bartholomäus

Drachaner

Dragoner, ein Kavalleriesoldat

Gmeiner

Gemeiner, der gemeine, einfache Soldat

Grieslgierch

ein Georg der zum fürchten, zum Gruseln war 3

Rumpler*

der Hausnamensträger war Drechsler von Beruf, der Name kann daher von dem rumpelnden Geräusch seiner Drehbank abgeleitet sein

Suderer

der Sudler oder Garkoch 4, oder: von sudern: jammern, sich beschweren

Wandernde Hausnamen

Die Bezeichnung "Hausname" täuscht eine feste Bindung des Namens an ein Haus vor. Daß dem nicht so ist, erkennt man an der Tatsache, daß sich Hausnamen verändern können. Noch deutlicher wird dies, wenn wir "wandernde Hausnamen" betrachten. Häufig ist es nämlich zu beobachten, daß der Hausname enger an die Person gebunden ist, als an das Haus. So kommt es vor, daß Söhne, die von Zuhause ausziehen, ihren ererbten Hausnamen auf das neuerworbene Haus übertragen. Oft kommt es dabei - zur besseren Unterscheidung - zu einer Hausnamenserweiterung. So wurde z. Bsp. aus dem Beckerlihnl ein Beckerlihnlkannes* und aus dem Lindenschmied ein Lindenschmiedveith. Die Erweiterung ist aber nicht zwingend. Der Hausname Kramerveith wanderte in Grafenwöhr in drei Generationen über drei Häuser weiter. Die neuen Häuser verloren ihren alten Hausnamen.
Es finden sich auch Beispiele für Hausnamen, die aus anderen Orten mitgebracht wurden. Der Kernbauer in Grafenwöhr brachte seinen Hausnamen aus Gössenreuth mit. Der Forstbauer in Gössenreuth stammt aus Weihern, einer aufgelösten Ortschaft des Truppenübungsplatzes.

Gerade die letzten gezeigten Beispiele machen deutlich, wie eng Haus- und Hausnamensforschung zusammenhängen. Erst der Nachweis eines Hausbesitzers oder -bewohners mit dem entsprechenden passenden Namen oder Beruf, erlaubt es eine eindeutige Deutung eines Hausnamens durchzuführen.
Abschließend noch einmal zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung. Der eingangs genannte "Gierchadl" war kein gieriger Adeliger, sondern er hieß schlicht Georg Adam. Und der "Poppensiemer" war nicht das siebte Kind, sondern er hieß Simon Popp.

1

Vgl. Karl Menner, Hausnamen-ihre Entstehung und ihre Eigenschaften dargestellt am Beispiel Lupburg, in: Die Oberpfalz 3 (1993), S. 72.

2

Johann Andreas Schmeller, Bayerisches Wörterbuch II. Bd.,
München 1877, Repro. München 1983, Sp. 649.

3

Leonore Böhm: Gössenreuth und seine Flur- und Hausnamen, in: Die Oberpfalz 11/12 (1986), S. 341 ff.

4

Schmeller II, Sp. 229.


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