Ein Truppenübungsplatz prägt eine Gemeinde



Französische Kriegsgefangene im Sommer 1914

Von Olaf Meiler
Etwa 100 Jahre ist es her, dass man im bayerischen Kriegsministerium auf die Suche nach einem geeigneten Gelände für einen neuen Truppenübungsplatz ging. Zwischen 1903 und 1906 waren Offiziere damit beauftragt, verschiedene Landstriche auf ihre Eignung für die Übungstätigkeit der Feldartillerie zu überprüfen. Der Raum um Grafenwöhr war dabei wegen seines hohen Anteils an Sumpf- und Morastflächen zunächst als ungeeignet abgelehnt worden. Doch die militärisch besser geeigneten Gelände erwiesen sich in der Ablösung als zu kostspielig, und so kam Grafenwöhr zum Zuge.

Für Grafenwöhr sprach vor allem die Tatsache, dass 2/3 des Geländes Staatsforst waren, so dass nur noch die Restflächen abgelöst werden mussten. Zudem war das Gebiet nur dünn besiedelt. Nur knapp 300 Menschen wurden ausgesiedelt. Zwei weitere Faktoren sprachen für Grafenwöhr. Die Stadt hatte seit 1904 einen Eisenbahnanschluss, was den Truppenantransport erleichterte, und sie verfügte über reiche Trinkwasservorräte, die problemlos die Versorgung von drei Brigaden sicherstellen konnten.

Ab dem Gründungsjahr 1908 nahm der Truppenübungsplatz langsam Gestalt an. Im April des Jahres nahm die Garnisonsverwaltung ihre Arbeit auf, und fünf Jahre lang dominierten zivile Arbeiter auf dem Gelände, die zum Aufbau der Verwaltungs-, Unterkunfts-und Versorgungsgebäude angestellt waren. 1913, nach Abschluss der meisten Arbeiten, errichtete man in Grafenwöhr eine Garnison für das 3. Bayerische Feldartillerieregiment ,,Prinz Leopold“. Grafenwöhr nahm mit dem Truppenübungsplatz eine sprunghafte Entwicklung. Die zahlreichen in der Stadt wohnenden Arbeiter ließen die Einwohnerschaft von 1909 bis 1910 von 961 auf 1841 um das Doppelte ansteigen. Die Soldaten und die vielen Arbeiter boten einen wachsenden Absatzmarkt für das lokale Gewerbe und von außen zogen etliche neue Betriebe zu.

Der 1. Weltkrieg
Während des 1. Weltkrieges waren die Soldaten weitgehend im Fronteinsatz. Reges Leben herrschte dennoch, denn im Truppenlager Grafenwöhr entstand das größte Kriegsgefangenenlager in Bayern, das zeitweilig bis zu
23 600 Kriegsgefangene beherbergte.
In der Regel waren es französische und russische Gefangene, vereinzelt auch Angehörige anderer Nationen. Neben Soldaten waren hier auch etwa 1800 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, interniert. Das Kriegsende 1918 brachte einen radikalen Szenenwechsel über Grafenwöhr.
Die Revolution ergriff im November 1918 auch den Truppenübungsplatz, und ein Arbeiter- und Soldatenrat entzog dem kommandierenden General das Kommando. 1919 kamen die bayerischen Truppen nach Grafenwöhr zurück und wurden hier aufgelöst.
Der Versailler Friedensvertrag bestimmte die Reduzierung der deutschen Truppen auf 100 000 Mann. Der Einsatz schwerer Waffen war verboten. Der wirtschaftliche Aufschwung, den das Militär nach Grafenwöhr gebracht hatte, brach mit einem Schlag ab. Die Stadt hatte keine Garnison mehr, es übten nur noch wenige Soldaten auf dem Platz, und dies auch nur noch im Sommer.

Platzerweiterung
In den dreißiger Jahren schlug das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Die von der nationalsozialistischen Führung betriebene militärische Aufrüstungspolitik war ökonomisch gesehen für Grafenwöhr von Vorteil.
Die 1935 gegründete Wehrmacht und die wieder eingeführte Wehrpflicht brachte erneut junge Soldaten zu Tausenden auf den Truppenübungsplatz. Das Geschäftsleben florierte wieder, und die Kantinen und Wirtshäuser machten reichlich Umsatz.
Was dem Grafenwöhrer Wirtschaftsleben zugute kam, wurde für manche Dörfer in der Umgebung zur Katastrophe. Mit den neuen Truppen kam auch die neue bewegliche Panzertruppe ins Land, die mehr Platz zum Üben brauchte. Folgerichtig hat man den Übungsplatz nach Westen hin erweitert. 3500 Menschen in 57 Ortschaften mussten schließlich in den Jahren von 1936 bis 1939 ihre Häuser räumen und ihre Heimatorte verlassen.
Eine eigens gegründete ,,Reichsumsiedlungsgesellschaft“,(RU- GES) kümmerte sich um die Aussiedlung der Menschen. Sie versuchten sich in der Nähe ihrer alten Heimat anzusiedeln und viele von ihnen gingen nach Grafenwöhr,dessen‚ reger militärischer Betrieb neue Arbeitsplätze versprach. Vielen Bauern war allerdings daran gelegen, ihr Auskommen weiterhin in der Landwirtschaft zu haben.
Sie siedelten auf freigewordene Bauernhöfe um, deren Ankauf durch die RUGES vermittelt wurde. Einen besonderen Versuch, sich ein Stück Heimat zu erhalten, unternahmen die Bewohner von Pappenberg. 25 Familien aus Pappenberg gründeten in Wolfskofen bei Regensburg ein neues Dorf, in dem ein Stück der alten Dorfgemeinschaft weiterleben konnte.
Hier entstand“ eine neue Kirche, die mit den Altären und anderen Einrichtungsgegenständen der alten Pappen- berger Kirche ausgestattet wurde. In das verlassene Gelände des Truppenübungsplatzes zogen die Soldaten ein. Das Ostlager Grafenwöhr wurde erweitert, bei Vilseck errichtete man ein neues Südlager. Auch ein Westlager war geplant, das aber infolge des Krieges nie ganz fertig gestellt wurde. Der erweiterte Platz erlaubte es, 1939 eine Übung abzuhalten, an der 100000 Soldaten und 14000 Pferde teilnahmen.


Prinzregent Luitpold veranlasste
1906 die
Gründung des
Truppenübungsplatzes in Grafenwöhr

Fortsetzung im nächsten Stadtanzeiger

 


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