Weihnachten
gilt den Menschen hierzulande, ganz unabhängig von ihrer
jeweiligen Einstellung zum Christentum, als Fest des Friedens
und der Zuwendung zu unserem Nächsten, als Zeit der Besinnung.
Der hohe
Stellenwert der Botschaft von Weihnachten kommt nicht von ungefähr.
Denn im Grunde ihres Herzens sehnen die Menschen sich - von
wenigen Ausnahmen abgesehen -danach, in Harmonie zu leben und
gut miteinander auszukommen. Dazu bedarf es aber des guten Willens
aller. So lautet der Kern der Weihnachtsbotschaft. Im Prinzip
sind wir nur zu gerne bereit, sie zu befolgen; jedenfalls zur
Weihnachtszeit.
Was ich
damit sagen möchte: Es wäre viel besser für uns
alle, wenn der weihnachtliche Friede immer, sozusagen ganzjährig,
in uns präsent wäre. Das Weihnachtsfest wäre
dann zwar ein besonderer Höhepunkt, aber bereits vorgezeichnet
auf einem Weg, der konsequent beschritten wird.
Es gibt
viele Werte, die für ein gutes Zusammenleben geradezu unverzichtbar
sind. Dazu gehören Ehrlichkeit, Anständigkeit, Rücksichtnahme,
Hilfsbereitschaft, Fleiß, Zuverlässigkeit, Solidarität
und Toleranz anderen Meinungen und Menschen gegenüber.
Das hört sich alles schön an.
In der Praxis,
im Alltag, erleben wir allerdings, dass es oft gemein, kaltherzig
und erschreckend egoistisch zugeht. Dass der Ehrliche der Dumme
und der Brave der Betrogene ist. Dass auf der Strecke bleibt,
wer seine Ellenbogen nicht einzusetzen weiß.
Diejenigen,
die anders leben und andere Auffassungen vertreten, halten wir
für bemitleidenswert. Wir versuchen womöglich, sie
zu bekehren, sie vielleicht sogar mit Gewalt in unser Lebensschema
zu pressen. Oder wir gehen auf Distanz zu ihnen.
Christian
Morgenstern hat einmal formuliert. Es gibt in Wahrheit
kein echtes Verständnis ohne Liebe. Dem Verstehen
können muss das Verstehen wollen vorangehen. Und das tut
es nur, wenn wir zu den Menschen, die wir verstehen wollen,
eine positive Einstellung haben, wenn wir sie und ihre Lebensauffassungen
akzeptieren. Daran hapert es im Allgemeinen besonders dann,
wenn diese Menschen uns nicht akzeptieren. Kein normaler Mensch
wird versuchen, den, der ihn belästigt oder drangsaliert,
zu verstehen, sondern wird sich zur Wehr setzen. Verständigung
klappt nur, wenn alle Beteiligten sie wollen.
Nur wenn
wir unsere Mitmenschen verstehen wollen, können wir ihnen
auch richtig zuhören. Wer nur an sich selbst und der Verbreitung
seiner Auffassungen interessiert ist, hört allenfalls hin,
aber nicht zu. Nur dem, der zuhören kann, offenbaren sich
die Feinheiten, auf die es für wirkliches gegenseitiges
Verstehen ankommt.
Wir erleben
das fortschreitende Zerbröckeln von Gemeinsamkeiten. Der
Einzelne wird immer mehr zum Individualisten, ja zum Egoisten,
der alle Arten von Gemeinsinn nur noch unter Nützlichkeitsgesichtspunkten
betrachtet und sich seinen Mitmenschen gegenüber immer
weniger verantwortlich fühlt. Gemeinsam akzeptierte und
verteidigte Grundwerte gibt es kaum noch. Einzelne und Gruppen
machen immer mehr ihre eigenen Wertvorstellungen zum einzigen
Maßstab ihres Handelns. Unser Leben wird dadurch immer
politischer. Wir müssen, um noch miteinander klarzukommen
und gemeinsam etwas leisten zu können, ständig miteinander
verhandeln. Um mit Aussicht auf brauchbare Ergebnisse verhandeln
zu können, ist es wichtig, seine Partner zu verstehen.
Nun könnte
es sein, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, dass
Sie sich fragen, was das alles eigentlich mit dem bevorstehenden
Weihnachtsfest zu tun hat.
Ich glaube:
eine ganze Menge. Denn der Friede unter den Menschen, der im
Mittelpunkt dieses Festes steht, ist nach meiner Überzeugung
nicht zu erringen, wenn und solange die Menschen einander nicht
verstehen. Verstehen ist der erste Schritt zum Frieden,
hat der Theologe Siegfried Sunnus erkannt. Und in der Tat: Ein
wenig Verstehen von Mensch zu Mensch ist mehr wert als alle
Liebe zur Menschheit.
In diesem
Sinne bedanke ich mich auch bei allen für die Arbeit im
Stadtrat, für die bemerkenswerten Leistungen meiner Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern und bei allen Behörden, Vereinen, Verbänden
und karitativen und kirchlichen Einrichtungen für die großartige
Unterstützung. Bedanken möchte ich mich auch bei den
Mitarbeitern der Bundeswehr und der amerikanischen Dienststellen.
Die verbleibende
Vorweihnachtszeit soll Ihnen allen, liebe Mitbürgerinnen
und Mitbürger, Freude, Besinnung, mehr Zeit für die
Familien und für Freunde, sowie uns allen wieder ein bisschen
mehr Bescheidenheit bringen. Halten wir es doch mit Theodor
Fontane, der einmal gemeint hat: Das Haus, die Heimat,
die Beschränkung, die sind das Glück und sind die
Welt.